Ortsverein Borken/Bocholt

    Antikriegstag 2020 in Bocholt

    01. September 2020

    Antikriegstag 2020 in Bocholt

    Der Ortsverein Borken/Bocholt der Gewerkschaft ver.di führte am Dienstag, 1. September 2020, eine Gedenk­veranstaltung anlässlich des Antikriegs­tages am Mahnmal für das ehemalige Kriegs­gefangenen­lager im Bocholter Stadt­wald (Gedenkstätte StaLag) durch. Im vorigen Jahr haben wir diesen Gedenktag in unserer Region wieder begründet und uns zum Ziel gesetzt, ihm im öffentlichen Bewusstsein einen festen Platz zu geben. Aufgrund der Corona-Pandemie konnten wir in diesem Jahr nur eine weitere kleine Veranstaltung durchführen.

    Rede am Antikriegstag 2020 in Bocholt Ralf Berger Rede am Antikriegstag 2020 in Bocholt

    Vorstandsmitglied Wolfgang Quere hielt folgende Rede:

    Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

    am 1. September 1939 überfiel Deutschland Polen, womit der zweite Weltkrieg begann. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde dieser Tag zum Antikriegstag. In der Bundesrepublik war es der Deutsche Gewerkschaftsbund, der unter dem Motto „Nie wieder Krieg“ ab dem 1. September 1957 zu Aktionen aufrief.

    Wir stehen hier auf dem Gelände des ehemaligen Stalag VI F, in dem ab 1940 Kriegsgefangene interniert wurden. Hier im „normalen“ Lager Soldaten der westlichen Alliierten, die wohl relativ anständig gemäß der Genfer Konventionen behandelt wurden, und nördlich angrenzend das „Sonderlager“ für die sowjetischen Gefangenen, von denen an die 2000 auf bestialische Weise ermordet wurden.

    Letztes Jahr sind wir nach der Kundgebung hier auch noch rübergegangen zum Friedhof und Ehrenmal für diese ermordeten Soldaten der Roten Armee an der Vardingholter Straße. Das werden wir dieses Jahr nicht machen. Nicht weil wir sie vergessen hätten oder nicht ehren wollen, sondern schlicht aus zeitlichen Gründen. Letztes Jahr war der 1. September ein Sonntag, weshalb wir den Antikriegstag tagsüber begehen konnten. Heute, auf einem Werktag, können wir ihn nur jetzt am Abend nach der Arbeit begehen, weshalb die Zeit leider nicht reicht. Ein weitere Grund, warum der Antikriegstag endlich ein offizieller Feiertag werden sollte.

    Niemand weiß genau, wie viele Menschen im zweiten Weltkrieg starben, aber die offiziellen Schätzungen gehen von über 65 Millionen Menschen aus. Von den Kriegstoten sind ungefähr 59 Prozent Zivilisten und 41 Prozent Soldaten. Das sind wohlgemerkt nur die Soldaten und Zivilisten, die unmittelbar durch die Kriegshandlungen starben. Die Millionen von den Nazis in Folterkellern und KZ‘s ermordeten Menschen sind darin noch gar nicht enthalten!

    Den größten Blutzoll für diesen barbarischen Krieg musste die Sowjetunion zahlen mit rund 27 Millionen Toten, gefolgt von China mit 13,5 Millionen Toten. Der Kriegsschauplatz China wird hierbei übrigens gerne vergessen, die Truppen des japanischen Kaiserreichs wüteten dort bereits seit Juli 1937.

    Hier in Deutschland verloren ungefähr 6,5 Millionen Menschen ihr Leben, davon etwa 1,2 Millionen Zivilisten und 5,3 Millionen Soldaten. Von diesen Soldaten fielen jedoch nicht alle in Kämpfen an der Front. Es gab auch die, die ermordet wurden weil sie „Nein“ sagten. „Nein“ zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit an Zivilisten. „Nein“ zu der Ermordung von Kriegsgefangenen aus Osteuropa. „Nein“ zu der Barbarei des Krieges insgesamt. „Nein“ zu der Terrorherrschaft der Nazis.

    Der bekannteste derer die „Nein“ sagten ist sicherlich Staufenberg. Es gab aber auch viele andere, die einem Menschen-verachtenden Befehl nicht folgten, die Desertierten und sich versteckten, die Sabotage begangen, oder zum Gegner überliefen um dann auf der anderen Seite für die Befreiung Deutschlands zu kämpfen.

    Es gibt leider Menschen, in deren Augen diese Soldaten noch heute Feiglinge und Verräter sind. Und in unserer Sprache haben diese Wörter ja auch nach wie vor einen negativen Beiklang: Befehlsverweigerung, Fahnenflucht, Deserteur, Überläufer, Attentäter…

    Aber für uns sind diese Soldaten die wahren Helden!

    Ob sie nun aktiv etwas gegen die Barbarei von Krieg und Naziherrschaft getan haben und an einem Attentatsversuch gegen Hitler beteiligt waren, oder ob sie sich nur nicht persönlich schuldig machen wollten an dieser Barbarei. Sie alle riskierten dabei ihr Leben, und viele verloren es auch, vom Befehlsverweigerer bis zum Attentäter. Sie alle waren mutige Männer, die ihr Leben aufs Spiel setzten für die Menschlichkeit, für Demokratie, für den Frieden. Sie waren und sind Vorbilder, die bewundert und geehrt werden sollten.

    Gerade heute sind solche Vorbilder wieder wichtig. Wenn endlich Kasernen umbenannt werden, die Namen von Nazi-Soldaten tragen, warum benennt man diese nun nach Feldherren aus der Kaiserzeit, und nicht nach diesen Helden die „Nein“ gesagt haben?

    Denn die Soldatinnen und Soldaten von heute würden offenbar dringend solche Vorbilder benötigen. Da gibt es Netzwerke von Neo-Nazis in der Bundeswehr. Da gibt es Kasernen, in denen Nazi-Devotionalien verherrlicht werden. Da verschwinden einfach große Mengen an Waffen und Munition – in wessen Händen sind die jetzt und was wird damit angerichtet werden?

    Sei es weil sie diese fürchterliche Gesinnung verharmlosen, sei es aus falsch verstandener Kameradschaft, sei es aus falschem Befehlsgehorsam – offenbar gibt es in der heutigen Bundeswehr viel zu wenig Soldatinnen und Soldaten, die „Nein“ sagen.

    Und auch das generelle „Nein“ zum Krieg muss wieder lauter werden. Die Bundeswehr ist eine Armee für die Landesverteidigung. Auch wenn es der ehemalige Kriegsminister Struck anders sah, und es offenbar auch die meisten heutigen Politiker anders sehen: Nein, diese Landesverteidigung findet nicht am Hindukusch statt!

    Wenn es heißt, es müsse hier oder dort aus Gründen der „Menschlichkeit“ Krieg geführt werden gegen eine Diktatur – wer glaubt denn wirklich heute noch, dass ein Krieg den Frieden bringt? Herrscht heute Frieden in Afghanistan? Herrscht Frieden im Irak? Herrscht Frieden in Libyen?

    Auch in diesem Zusammenhang sollten heutige Soldatinnen und Soldaten entsprechend der mutigen Vorbilder während des zweiten Weltkriegs auch heute wieder darüber nachdenken, gegebenenfalls „Nein“ zu sagen und den Befehl zu verweigern...

    Und in diesem Sinne bleibt es für uns auch im Jahre 2020 bei der Losung, die schon Teil des Schwurs von Buchenwald war, und unter der der DGB schon 1957 zum Antikriegstag aufrief:

    Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!

    Gedenk­veranstaltung am Antikriegstag, 1. September 2020, in Bocholt Ralf Berger Gedenk­veranstaltung am Antikriegstag 2020 in Bocholt

    Anschließend legten Wolfgang Quere und Ralf Berger, flankiert von Josef Hövelbrinks, zum Gedenken ein Gesteck des Ortsvereins nieder.